“Ein Video mit angeblich zurückgehaltenen Aufnahmen aus Céline Dions Dokumentarfilm zeige, wie die Sängerin gesteht, Kinder gegessen und Blut getrunken zu haben, um jung oder am Leben zu bleiben (Adrenochrom).”
Falsch. Das angebliche Geständnis ist erfunden. Die Szene gibt es im Dokumentarfilm „I Am: Celine Dion“ nicht. Der Clip wurde manipuliert, sehr wahrscheinlich mit KI, und stammt von der für Falschinformationen bekannten Website The People's Voice. Die Originalaufnahmen zeigen Dion während eines Krampfanfalls.
Die Behauptung: In einem Video, das angeblich zurückgehaltene Aufnahmen aus Céline Dions Dokumentarfilm zeigt, gestehe die Sängerin, Kinder gegessen und Blut getrunken zu haben, um jung zu bleiben oder am Leben zu bleiben.
Bewertung: Falsch. Das angebliche Geständnis ist erfunden. Die Szene gibt es im Dokumentarfilm nicht. Der Clip wurde manipuliert, sehr wahrscheinlich mit künstlicher Intelligenz. Verbreitet hat ihn eine Website, die bekannt dafür ist, Falschinformationen zu veröffentlichen.
Die Geschichte kommt von der englischsprachigen Website The People's Voice. Am 22. August 2026 erschien dort ein Artikel mit dem Titel „Celine Dion Begs Forgiveness In Shock Cannibal Video: 'I Eat Children To Stay Alive'“ (Link). Darin behauptet die Seite, sie habe „extrem verstörende, unzensierte Aufnahmen“ erhalten, in denen Dion ihre tödliche Sucht nach Adrenochrom zugebe. Das gleiche Video wurde auch auf der Plattform BitChute hochgeladen (Link). Dort wird ausdrücklich The People's Voice als Quelle genannt.
Schon im Mai 2026 hatte dieselbe Website einen ähnlichen Artikel über ein angebliches „Geständnis auf dem Sterbebett“ veröffentlicht (Link). Dort sollten Leser ein Abo abschließen, um das „vernichtende Beweismaterial“ zu sehen. Als Autor ist Baxter Dmitry angegeben, ein Schreiber der Seite.
Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat die Behauptung sowohl auf Niederländisch als auch auf Französisch geprüft. Laut dpa ist The People's Voice schon öfter mit gefälschten Inhalten aufgefallen. Die Masche sei immer die gleiche: eine schockierende Behauptung, die an aktuelle Nachrichten anknüpft und mit Verschwörungserzählungen angereichert wird. Die Überschriften sollen Aufmerksamkeit erregen. Die angeblichen Enthüllungen und Zitate sind jedoch fast immer frei erfunden.
Das angebliche Geständnis ist laut dpa bei Sekunde 28 und bei Minute 8:54 des Videos zu sehen. Dion steht mit dem Rücken zur Kamera, ein Badetuch über den Schultern. Die dpa hat sich den Dokumentarfilm „I Am: Celine Dion“ auf Amazon Prime angesehen. Diese Szene mit diesen Worten kommt darin nicht vor. Nach Einschätzung der dpa wurde die Passage sehr wahrscheinlich mit KI aus echtem Filmmaterial erzeugt. Die Originalaufnahmen zeigen Dion während eines Krampfanfalls.
Zum gleichen Ergebnis kam der US-Faktenchecker Lead Stories. Ab 0:30 im Video von The People's Voice ist Dion von hinten zu sehen. Sie hat ein Handtuch über den Schultern und dreht sich nie zur Kamera. Nach Angaben von Lead Stories stammt das Material ebenfalls aus dem Dokumentarfilm, wurde aber gespiegelt. In der Originalaufnahme sagt Dion weder, dass sie Kinder gegessen, noch dass sie Blut getrunken habe. Die echte Szene ist öffentlich zugänglich. Die Sendung Access Hollywood veröffentlichte den Ausschnitt am 25. Juni 2024 auf YouTube. Ab Minute 9:13 ist Dion dort mit einem Handtuch um den Rücken zu sehen.
Der Dokumentarfilm zeigt, wie Dion mit dem Stiff-Person-Syndrom lebt. Nach einem Übersichtsartikel in der Fachzeitschrift Nature Reviews Neurology ist das die häufigste autoimmune Erkrankung, bei der Nervenzellen übererregbar sind. Typisch sind Steifheit in Armen, Beinen und Rumpf, ein steifer Gang mit unkontrollierten Stürzen und schmerzhafte Muskelkrämpfe. Ausgelöst werden die Krämpfe unter anderem durch Angst oder Schreckreaktionen. Die Krankheit ist sehr selten. Sie betrifft ein bis zwei Menschen pro Million. Die Aufnahmen, die für die Fälschung benutzt wurden, zeigen also einen echten medizinischen Notfall. Mit einem „Geständnis“ haben sie nichts zu tun.
Laut dpa lief die Kampagne Ende August 2026 an, wenige Wochen vor Dions Comeback. Am 12. September 2026 trat Dion zum Auftakt ihrer Konzertreihe in der Paris La Défense Arena in Nanterre auf. Es war ihr erster großer Auftritt nach mehr als sechs Jahren Bühnenpause. Geplant sind 26 Konzerte bis zum 29. Mai 2027. Dass die Falschmeldung genau zu diesem Zeitpunkt auftaucht, passt zu dem Muster, das die dpa beschreibt: Die Seite knüpft an Ereignisse an, die gerade Schlagzeilen machen.
Die Geschichte gehört zu einer größeren Verschwörungserzählung aus dem QAnon-Umfeld. Das Office for Science and Society der McGill University beschreibt sie als absurde Behauptung, Hollywood-Stars und „liberale Eliten“ würden Kinder entführen, um ihr Blut zu gewinnen. Angeblich geht es dabei um Adrenochrom, eine Substanz, der psychedelische Wirkung und sogar Unsterblichkeit nachgesagt werden. Ein wichtiger Ursprung des Mythos ist offenbar Literatur: Die falsche Behauptung, Adrenochrom lasse sich nur aus den Nebennieren lebender Menschen gewinnen, stammt aus Hunter S. Thompsons Roman „Fear and Loathing in Las Vegas“ von 1971 und legte wahrscheinlich den Grundstein für diese Verschwörungstheorie.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist Adrenochrom nichts Geheimnisvolles. In der Fachliteratur wird es als stabiles Produkt beschrieben, das entsteht, wenn Adrenalin oxidiert. Es wird seit Langem industriell hergestellt: Laut einer US-Patentschrift wird Adrenochrom kommerziell gewonnen, indem man Adrenalin oder seine Salze in wässriger Lösung mit Kaliumhexacyanoferrat oxidiert. Die Behauptung, dass man dafür Kinder brauche, ist also schon chemisch falsch. Auch eine psychedelische Wirkung ist nicht belegt: Die Adrenochrom-Familie wurde nie als psychedelisch anerkannt. Dass Mächtige angeblich Kinderblut trinken, ist außerdem kein neues Motiv. Beobachter erinnern an Gerüchte aus dem Mittelalter, Juden würden Kinder essen oder ihr Blut trinken.
Céline Dion hat nicht gestanden, Kinder gegessen oder ihr Blut getrunken zu haben. Die Szene fehlt im Originalfilm. Die echten Aufnahmen zeigen die Sängerin während eines Krampfanfalls, eine Folge ihrer seltenen Autoimmunerkrankung. Das Video wurde manipuliert, sehr wahrscheinlich mit KI. Es stammt von The People's Voice, einer Website, die wiederholt Falschinformationen verbreitet hat. Die Geschichte greift den längst widerlegten Adrenochrom-Mythos auf. Adrenochrom ist ein gewöhnliches Oxidationsprodukt von Adrenalin, das sich einfach synthetisch herstellen lässt und keine verjüngende Wirkung hat.