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Claim Review·30 September 2026·5 min read
“Ein virales Video soll zeigen, wie jemand bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 echte Briefwahlstimmen für die AfD vernichtet, indem er Stimmzettel mit AfD-Kreuzen zerschneidet.”
Claimed on 16 September 2026
Our verdict
False
01 False
02 Mostly False
03 Half True
04 Mostly True
05 True

Falsch. Die Unterlagen im Video sind gefälscht: Es fehlen Wahlscheine und die Stimmzettel für die Bezirkswahl, Umschläge, Druckbild und Urnen passen nicht zu den echten Berliner Unterlagen. Das Landeswahlamt Berlin schließt aus, dass echte Wahlunterlagen betroffen sind. Fachleute ordnen das Video der russischen Desinformationskampagne Storm-1516 zu.

Faktencheck: Das Video mit zerschnittenen AfD-Stimmzetteln in Berlin ist inszeniert

Reviewed byRemedia AiRemedia Ai

Behauptung: Ein virales Video soll zeigen, wie jemand bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026 echte Briefwahlstimmen für die AfD vernichtet.

Bewertung: Falsch. Die Unterlagen im Video sind gefälscht. Das Landeswahlamt Berlin schließt aus, dass echte Wahlunterlagen betroffen sind. Fachleute ordnen das Video einer russischen Desinformationskampagne zu.

Worum es geht

In den Tagen vor der Berliner Wahl verbreitete sich auf X ein kurzes Video. Man sieht die Hände eines Mannes, der drei Briefwahlumschläge öffnet. Zwei Stimmzettel mit Kreuzen bei der AfD zerschneidet er mit einem Messer. Den dritten Zettel mit einer Stimme für die CDU legt er beiseite. Laut CORRECTIV wurde das Video seit Veröffentlichung am 17. September mehr als 300.000 Mal angesehen (CORRECTIV). Nach Angaben der Faktencheck-Allianz GADMO kursierte die Behauptung auch auf X sowie in anderen Sprachen wie Englisch und Französisch. Auch in Österreich wurde das Video geteilt, wie die dpa berichtet (dpa-Faktencheck).

Welcher X-Account das Video zuerst veröffentlicht hat, nennen die Faktenchecks nicht. CORRECTIV schreibt nur, der Account sei für eine Anfrage nicht erreichbar gewesen und habe unter anderem KI-Bilder von Donald Trump geteilt. Eine genaue Quelle lässt sich deshalb hier nicht angeben.

Warum die Unterlagen nicht echt sein können

Die dpa und CORRECTIV haben das Video unabhängig voneinander untersucht. Beide stießen auf mehrere Fehler, die der Berliner Landeswahlleiter Stephan Bröchler bestätigt hat.

1. Es fehlen die Wahlscheine. Laut offiziellem Fragenkatalog des Landes Berlin gehören zu den Briefwahlunterlagen ein Wahlschein, amtliche Stimmzettel, ein amtlicher weißer Stimmzettelumschlag und ein roter Wahlbriefumschlag. Wähler müssen den Wahlschein unterschreiben und zusammen mit dem Stimmzettelumschlag in den roten Umschlag stecken. Sonst ist die Stimme ungültig. Keiner der im Video geöffneten Umschläge enthält einen Wahlschein.

2. Der zweite Stimmzettel fehlt. In Berlin wurden am selben Tag auch die Bezirksverordnetenversammlungen gewählt. In jedem Stimmzettelumschlag müssten sich also zwei Stimmzettel befinden. Der zweite Stimmzettel fehlt jedoch in allen Umschlägen.

3. Umschläge und Stimmzettel sehen anders aus. Ein Sprecher des Landeswahlleiters sagte der Nachrichtenagentur AFP: „Die in Berlin verwendeten amtlichen roten Briefwahlumschläge und die weißen Stimmzettelumschläge sehen anders aus als in dem Video dargestellt“. CORRECTIV fand außerdem einen Unterschied beim Druck der Stimmzettel: Dort sind in einer Zeile nur einzelne Wörter in Fett gedruckt, in der Fälschung die ganze Zeile.

4. Die Umschläge gehen zu leicht auf. Laut Landeswahlamt gehen auch die weißen Stimmzettelumschläge zu leicht auf, wohingegen sich originale verklebte Stimmzettelumschläge nicht zerstörungsfrei öffnen lassen. Bröchler sagte der dpa außerdem, es sei ungewöhnlich, dass alle Umschläge mit genau gleichen Klebepunkten verschlossen waren.

5. Die Wahlurnen im Hintergrund sind falsch gekennzeichnet. Auf den Urnen ist ein Berliner Bär zu sehen. Laut Bröchler ist «die Kennzeichnung der Urnen mit einem Berliner Bären hier nicht bekannt und unüblich.» Würden Urnen mit einem Bild gekennzeichnet, würde das offizielle Hoheitszeichen des Landes oder das Bezirkswappen verwendet werden.

Bröchlers Fazit gegenüber der dpa: «Es kann ausgeschlossen werden, dass tatsächlich echte Berliner Wahlunterlagen betroffen sind. Das Video dient eindeutig der Delegitimation der Briefwahl.» (siehe auch dpa-Faktencheck)

Spur zur russischen Kampagne Storm-1516

Auch die Art, wie sich das Video verbreitet hat, spricht gegen seine Echtheit. Julia Smirnova forscht beim Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS). Sie sagte CORRECTIV, das Video sei „mit hoher Wahrscheinlichkeit Teil der russischen Kampagne Storm-1516“. Ein Hinweis darauf: Das Video tauchte fast gleichzeitig auf mehreren großen englischsprachigen X-Accounts auf.

Die Bundesregierung hat im Dezember 2025 „Storm-1516“ der Russischen Föderation öffentlich zugeordnet. Nach ihren Angaben wurden dabei auf verschiedenen Plattformen unter anderem künstlich generierte scheininvestigative Recherchen, Deepfake-Bildsequenzen, pseudojournalistische Webseiten und erfundene Zeugenaussagen verbreitet. Ähnliche Fälschungen gab es schon bei der Bundestagswahl 2025: Ein Video in Leipzig erweckte den Eindruck, ein AfD-Kandidat fehle auf einer Wahlliste und es könne dort keine Zweitstimme für die Partei abgegeben werden. Rund um die Wahlen in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern berichtet Euronews von neuen gefälschten Videos. Diese wiederholen ähnliche Wahlbetrugsnarrative und ähneln den früheren Videos stark; Forscher bringen sie mit Storm-1516 in Verbindung. Die Masche dahinter: Das falsche Narrativ stellt die AfD und ihre Anhänger als Opfer von Manipulation dar.

Wie sicher ist die Briefwahl?

Laut dpa haben AfD-Politiker in den vergangenen Jahren immer wieder Zweifel an der Briefwahl geäußert, meist ohne konkrete Belege. In Österreich fordert die FPÖ sogar ihre Abschaffung. Die Forschung zeichnet ein anderes Bild. Das Institut für Parlamentarismusforschung (IParl) hat Wahleinsprüche untersucht. Viele davon behaupteten Betrug bei der Briefwahl, doch sie konnten in keinem Fall bestätigt werden. Außerdem gilt: Ein höherer Anteil führt nicht automatisch zu mehr Wahlfehlern und Wahlbetrug. Einzelne Fälle von Manipulation hat es gegeben, etwa bei der Kommunalwahl in Stendal 2014. Doch eine deutschlandweit koordinierte, wahlentscheidende Manipulation ist tatsächlich erheblich schwerer als ein lokaler Eingriff. Eine peer-reviewte Studie zeigt, dass das größere Risiko bei Formfehlern liegt: Der Anteil nicht gewerteter Briefwahlstimmen liegt zwischen 3,2 und 4,0 % (Studie). Oft liegt das zum Beispiel an einem fehlenden oder nicht unterschriebenen Wahlschein. Ausgerechnet dieses wichtigste Dokument fehlt in dem gefälschten Video.

Fazit

Das Video zeigt keinen Wahlbetrug, sondern eine Inszenierung mit nachgemachten Unterlagen. Es fehlen Wahlscheine und die Stimmzettel für die Bezirkswahl. Umschläge, Druckbild und die Kennzeichnung der Urnen passen nicht zu den echten Berliner Unterlagen. Der Landeswahlleiter schließt aus, dass echte Stimmen betroffen sind. Fachleute sehen das Video als Teil der russischen Kampagne Storm-1516, die gezielt das Vertrauen in Wahlen untergraben soll.

Quellen: CORRECTIV (https://correctiv.org/faktencheck/2026/09/18/video-von-zerschnittenen-afd-stimmzetteln-in-berlin-ist-eine-faelschung/), dpa-Faktencheck (https://dpa-factchecking.com/austria/260923-99-732031), GADMO/AFP (https://gadmo.eu/briefwahl-als-ziel-von-desinfo-kampagne-bei-abgeordnetenhauswahl-in-berlin/), Deutscher Bundestag (https://www.bundestag.de/presse/hib/kurzmeldungen-1182116), Landeswahlleiter Berlin (https://www.berlin.de/wahlen/wahlen/berliner-wahlen-2026/fragen-und-antwortkatalog/artikel.1646712.php).

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